wobmag interview
¬
41
Herr Monster ist seit nunmehr vierzehn Jahren als Service-Monster tätig. Davor
studierte er an der Hades-Universität in Athen die Fächer ,,Weinerlichkeit" und
,,Pfeifen im Keller". Steffen Herbold sprach mit ihm über seine derzeitigen Tätig-
keitsschwerpunkte.
¬
Herr Monster, ist es nicht wahnsinnig nervenaufreibend, immerzu und fortwährend der Buhmann für alles und jedes zu sein?
Herr
Monster: Man gewöhnt sich an alles. Es ist ja nicht so, wie man sich das landläufig vorstellt. Heute kommst du als Monster nicht
mehr um die Ecke und erschreckst alle für nichts und wieder nichts. Ein modernes Monster ist eine hochqualifizierte Servicekraft, die
in monströsen Fällen gerufen wird, um als Projektionsfläche für all das zu dienen, was die Menschen an sich selbst nicht leiden können.
¬
Aber das ist doch furchtbar, oder?
Herr
Monster: Nein, da haben Sie falsche Vorstellungen. Wissen Sie, es ist ja mein Job, und der definiert sich nun mal so, dass ich die
klassischen Buhmann-Faktoren ,,Ach Gott, wie ungerecht!", ,,Ach Gott, geht's mir schlecht!" und ,,Ach Gott, alle anderen sind Schweine!"
auffange und in meiner Person ausdrücke. Die Menschen haben dann jemanden, der schuld ist. Wenn man das jeden Tag macht, ist
das nichts Aufregendes mehr.
¬
Aber ist das nicht Augenwischerei? Von Seiten der Menschen, meine ich?
Herr
Monster: Ja schon, aber ich habe wenig Hoffnung, dass das besser wird abgesehen davon müsste ich mir dann ja auch einen
neuen Job suchen. Nein, zum Glück für mich tendieren die Menschen dazu, nie selbst an irgendetwas schuld zu sein. Da sind sie eigent-
lich wie die Kinder: Zuerst wird gezündelt und wenn's dann brennt, will's keiner gewesen sein. Sinnigerweise gilt das für die gesamte
Bandbreite von Katastrophen von ,,dumm gelaufen" bis ,,epochal übel". Insofern gibt es für mich nichts krisenfesteres, als Monster zu sein.
¬
Und welche Rolle übernehmen Sie dann?
Herr
Monster: Das ist unterschiedlich. Ich bin dann meist so etwas wie ,,politische Notwendigkeit" oder ,,tragische Verkettung von
Zufällen" oder ,,die Umstände". Was ich auch sehr gut kann, ist ,,Niemand hat das gewollt" und ,,die historischen Gegebenheiten". Das
hängt im Einzelfall dann ganz davon ab, was vom Kunden gewünscht wird.
¬
Und wer ist das?
Herr
Monster:
Alle, die an Monster glauben. Und alle, die wissen, dass die meisten Menschen an Monster glauben. Monster sind cool:
Sie sind die einfache, pflegeleichte Antwort auf jede beliebige Frage und sie sehen dabei immer wahnsinnig echt und profund aus.
¬
Wüssten Sie eigentlich, wie man das ändern kann?
Herr
Monster:
Ja, aber das sage ich nicht. Ich muss ja auch meinen Arbeitsplatz sichern. Niemand kann so gut die Wirklichkeit vernebeln
wie wir Monster!
¬
Eine Frage zum Abschluss: Was machen eigentlich Monster, wenn sie mal in den Keller müssen?
Herr
Monster:
Pfeifen natürlich. Man weiß ja nie.
Illustration: Mar
tin Bur
khardt